31 Mai 2013

Bangladesh

Aktuell hier ein Statement von  manomama  auf facebook:


Vergangenen Sonntag durfte ich einer Talksendung beiwohnen. Hier das, was ich gerne erzählt hätte, wenn man mich gelassen hätte:

100% bangladeshfrei oder warum wir wieder mehr über Insourcing nachdenken müssen...

Asien, der verpönte Produktionskontinent. Und dennoch sind sie alle da. Dort, wo man am billigsten Konsumgüter für den reichen Westen herstellen kann. Am schlimmsten, darf man Medien und NGOs glauben, müsse Bangladesh sein. Und so schossen sich jene auf dieses Land ein. Über hundsmiserable Bedingungen in den umliegenden Ländern wie China, Indien und Pakistan liest man seltenst, hört man kaum. Dafür kursieren umso mehr grausame Nachrichten aus Bangladesh. Völlig sarkastisch könnte man den Einsturz der Nähfabrik mit anschließend über 1000 Toten und unzähligen lebenslang gehandicapten Menschen als einen wahren Segen für Organisationen nennen, die davon leben. Es dauerte nicht lange, da präsentierten sechs NGOs das sogenannte „Brandschutzabkommen für Bangladesh“. In der Talksendung hat Entwicklungsminister Niebel übrigens entdeckt, dass er und seine Regierung ebenfalls daran mitgewirkt hätten.
Ich habe es mir im Original durchgelesen. Ein Fetzen Papier, das so konkret ist, wie ein Rohrschach-Bild. Und die wenig konkreten Punkte so realistisch wie Weltfrieden. Das Einzige, was sehr konkret betitelt wurde, waren bis zu 500.000 US-Dollar im Jahr. Kosten, die jeder einzelne beigetretene Wirtschaftspartner bereitstellen muss, um die Maßnahmen für eine Besserung in Bangladesh, durchzusetzen. Zum Zeitpunkt der Unterschrift waren sowohl die Maßnahmen, als auch die Umsetzung unklar. Einzig vage Ziele wurden formuliert. Dass Arbeiter keinen Lohn einbüßen müssten, während die Fabrik auf Brandschutz untersucht würde, zum Beispiel. Oder dass der Arbeiter eine adäquate Stelle angeboten bekäme, würde nach einer Prüfung seine eigentliche Arbeitsstätte geschlossen. Hehre Ziele, hohe Kosten, null Plan. Um an diesem Plan als Wirtschaftspartner mitarbeiten zu können, mussten die Konzerne jedoch erst unterschreiben. So wünschten dies Vertreter der internationalen Gewerkschaften. Handelskonzerne also durften nur mitwirken und erfahren, wie der Plan aussieht, wenn sie vorher ein finanzkräftiges „Ja, ich will“ unterschrieben. Unterschreibe er nicht, könne er mit lautstarkem und gut organisiertem Protest in den Zielmärkten rechnen. Der Jurist würde es „Nötigung“ nennen. Diese Nebelbombe haben dennoch in kürzester Zeit über 40 Konzerne und Modemarken unterschrieben. Aus drei Gründen: allen voran fürchten die Unternehmen den Imageverlust im Zielmarkt, bei den Kunden. Selbst Konzerne, die weniger als 1 Prozent Ware aus Bangladesh anboten, signierten. Der Schaden in Deutschland, erklärte mir der Mitarbeiter eines Handelskonzerns, wäre zu groß. „Hier stehen ebenso Arbeitsplätze auf dem Spiel! Und ändern kannste da unten eh nichts“, sagte er. „Dat janze Land is vollkommen korrupt. Die Regierung interessiert sich nicht für dat Volk.“

Den zweiten Grund bestätigte mir der Sozialwissenschaftler. Wir beide waren und sind der Meinung, dass eine flächendeckende Kontrolle in Bangladesh völlig realitätsfern ist. Und, ehrlich gesagt, kein Ziel sein kann. Noch mehr ökonomische Besatzung und moderner Kolonialismus wäre das Resultat. Ist es heute bereits mehr als kritisch zu sehen, wie gut entwickelte Länder schwächere Länder ausbeuten. Darüber hinaus ist die Implementierung einer gewerkschaftlichen Struktur in Bangladesh lebensbedrohlich. Die unterzeichnenden Konzerne konnten also getrost den Wisch unterschreiben, weil die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung eher gering wäre. Würde es dennoch gelingen, käme der dritte Grund zum Tragen.

Dieses Abkommen galt und gilt „nur“ für Bangladesh. Diese Tatsache macht alles nur schlimmer. Die Primarks, kiks & Takkos, aber auch die teuren Edelmarken, die im Billiglohnland produzieren, werden weiterziehen nach Myanmar, Indonesien und Kambodscha. Sie werden dort in gleicher Weise weiterproduzieren und die Produkte uns hier als „100 % bangladesh-frei“ verkaufen. Wir werden glauben, dass es dann gut ist. Ein Fehlglaube.

(Sina)


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